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Coronavirus-Ansteckungsgefahr: Erreger infektiöser als bisher angenommen


Coronavirus: Erreger ist wesentlich infektiöser als ursprünglich angenommen

Das neuartige Coronavirus 2019-nCoV wird seit seinem Auftauchen im Dezember intensiv erforscht. In etlichen Studien sammeln Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Erkenntnisse etwa zu Ansteckungsgefahr und Genetik. Mittlerweile ist klar, dass das Virus deutlich infektiöser ist, als bislang angenommen wurde.

Trotz beispielloser Maßnahmen verbreitet sich das neuartige Coronavirus in China immer weiter. Laut Medienberichten hat die Zahl der Todesopfer durch dieses Virus die der Sars-Pandemie vor 17 Jahren überstiegen. Mittlerweile gibt es immer mehr Erkenntnisse zur Übertragbarkeit der Keime. Laut Fachleuten sind sie deutlich ansteckender als zunächst angenommen wurde.

Virus wird durch Tröpfcheninfektion verbreitet

Die Frage, wie ansteckend das neue Coronavirus ist, lässt sich zurzeit nur schwer beantworten. Bekannt ist, dass sich das Virus durch Tröpfcheninfektion – etwa beim Husten und Sprechen – verbreitet. „Der Erreger ist deutlich infektiöser als ursprünglich angenommen“, erklärt der Infektionsepidemiologe Lars Schaade, Vizepräsident des Robert Koch-Instituts (RKI).

Laut dem Virologen Christian Drosten von der Berliner Charité seien viele Details der Infektion noch ungeklärt. „Das lässt sich nicht genau rekonstruieren. Man bekommt das Virus vermutlich ähnlich, wie man sich eine Erkältung einfängt.“ Dass auch symptomfreie Menschen infektiös sein können, wie vereinzelt berichtet, hält Drosten aber für eher unwahrscheinlich.

Nach Auskunft chinesischer Mediziner kann sich das Virus womöglich auch über das Verdauungssystem verbreiten. Sie hatten den Erreger in Stuhlproben gefunden, nachdem sie festgestellt hatten, dass einige Patienten Durchfall statt üblicherweise Fieber bekommen hatten.

Nach RKI-Angaben ist aber noch nicht abschließend geklärt, ob man sich tatsächlich auf diese Weise anstecken kann. Auch von der Mutter auf das Neugeborene ist das Virus nach Erkenntnissen in China wahrscheinlich übertragbar.

Auffällig ist die Diskrepanz zwischen der schnellen Ausbreitung in China und der Tatsache, dass sich in anderen Ländern bisher nur wenige Menschen angesteckt haben. Der Virologe Thomas Schulz von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) erklärt das auch damit, dass der Erreger in China vermutlich schon Wochen zirkulierte, bevor die Behörden rigorose Maßnahmen ergriffen.

„Hätte man das einen Monat früher gemacht, wäre die Situation vermutlich nicht so eskaliert“, meint Schulz.

Unspezifische Symptome

Das neue Coronavirus infiziert vor allem Zellen der unteren Atemwege. Dadurch scheinen manche Symptome einer Erkältung wie beispielsweise Fließschnupfen nicht aufzutreten. Generell sind die Symptome der neuen Lungenkrankheit unspezifisch. Fieber, trockener Husten und Atemprobleme können auch bei einer Grippe auftreten.

„Es reicht nicht aus, nur fieberhafte Personen zu testen“, so Drosten. „Manche Menschen haben nur eine leichte Erkältungssymptomatik mit Frösteln und Halsschmerzen.“ Mitunter können Patientinnen und Patienten auch Kopfschmerzen oder Durchfall haben.

Die Inkubationszeit – der Zeitraum zwischen Infektion und Beginn von Symptomen – beträgt zwei bis 14 Tage. Daher werden Verdachtsfälle zwei Wochen isoliert.

Nachgewiesen wird eine Infektion meist durch den Nachweis von Erbgut des Coronavirus im Sputum, dem schleimigen Auswurf beim Husten.

Wie gefährlich ist der Erreger?

Die Frage, wie gefährlich der Erreger ist, lässt sich momentan kaum beantworten. Der Anteil der Infizierten, der an der Lungenerkrankung stirbt, liegt nach derzeitigen Daten in China bei etwa zwei Prozent – höher als bei einer Grippe. Bei den Grippe-Pandemien 1957 und 1968 lag die Fallsterblichkeit laut Drosten bei etwa 0,1 Prozent.

Den hohen Wert in China erklärt der Fachmann mit dem Umstand, dass dort vor allem schwere Fälle bekannt werden. „Viele Menschen melden sich in China erst dann, wenn sie wirklich krank sind. Diese Fälle sind nicht repräsentativ.“

„Wir kennen die tatsächlichen Fallzahlen nicht“, sagt Schaade. Außerhalb Chinas ist die Fallsterblichkeit gegenwärtig geringer. Die geringe Todesrate sei zunächst ermutigend, „aber wir müssen das weiter beobachten“, so Schaade.

Clemens Wendtner, der in der München Klinik Schwabing sieben Infizierte betreut, geht davon aus, dass „die Sterblichkeit deutlich unter einem Prozent liegt, eher sogar im Promillebereich“. Er sagt: „Mit einer sehr, sehr gefährlichen Erkrankung hat das nicht viel zu tun.“

Es gibt keine spezielle Therapie für die Erkrankung

Eine spezielle Therapie für die Erkrankung gibt es nicht. Schwer erkrankte Patientinnen und Patienten werden symptomatisch behandelt: mit fiebersenkenden Mitteln, der Therapie etwaiger bakterieller Zusatzinfektionen und mitunter mechanischer Beatmung.

Krankheit könnte mit Beginn der wärmeren Jahreszeit zurückgehen

Der Chef des nationalen Expertenteams im Kampf gegen das Coronavirus, Zhong Nanshan, erklärte am Montag, die Coronavirus-Epidemie werde ihren Höhepunkt Mitte bis Ende nächster Woche erreichen. Ob das realistisch ist, lässt sich deutschen Experten zufolge kaum abschätzen.

„Ich kenne die Daten und Modelle der Chinesen nicht“, sagt Schulz, er tendiert aber zu Skepsis. „Im Augenblick geht die Kurve noch steil nach oben.“ Der Infektionsepidemiologe Schaade stimmt zu: „Ich wäre mit Prognosen sehr vorsichtig.“

Drosten ergänzt: „Entscheidend ist, ob China es schafft, die Übertragungen zu stoppen. Das kann ich mir schon vorstellen.“ Hinzu komme jedoch eine zweite Frage, betont er: Nistet sich das Virus in Ländern mit schlechtem Gesundheitssystem etwa in Afrika oder Asien ein, wo es kaum noch zu kontrollieren wäre? Dann drohe dauerhaft eine neue Lungenkrankheit auf der Welt.

Schulz vermutet, dass die Krankheit in China mit Beginn der wärmeren Jahreszeit zurückgehen wird – ähnlich wie bei Grippe und Erkältungen. „Die Frage ist, ob sie nächstes Jahr wiederkommt.“ (ad, Quelle: dpa)

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Video: Unheimliche Corona-Spätfolgen: Verunsicherte Patienten, besorgte Ärzte. report München (Juli 2021).