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Wie Placebos bei chronischen Rückenschmerzen helfen


Placebos helfen gegen chronische Rückenschmerzen

In einer Studie hat sich gezeigt, dass Placebos in der Schmerztherapie helfen können – und das sogar, wenn die Studienteilnehmenden sich darüber im Klaren sind, dass es sich um Placebos handelt. Die Placebo-Behandlung trug dazu bei, dass der Schmerz von Menschen mit chronischen Rückenschmerzen gelindert war und sie sich „fitter“ und weniger depressiv fühlten.

Rückenschmerzen kennt wohl jede/r. Die Beschwerden mancher Menschen überschreiten allerdings deutlich das „normale Maß“. Laut einer älteren Mitteilung des Universitätsklinikums Essen halten die Schmerzen in bis zu 20 Prozent der Fälle länger als sechs Monate an und gelten dann als chronisch. Forschende aus Essen wollten wissen, ob und wie Placebos dagegen helfen können. Sie stellten fest: Die Mittel ohne Wirkstoffe wirken.

Schmerzlindernder Effekt etwa so hoch wie der eines NSAID

Placebos enthalten zwar keinen Arzneistoff, dennoch können sie zur medizinischen Behandlung beitragen. Der sogenannte Placeboeffekt war auch schon Bestandteil diverser wissenschaftlicher Untersuchungen. Bei Rückenschmerzen wurde sein Nutzen nun eindeutig belegt.

Wie die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN) in einer aktuellen Mitteilung schreibt, zeigte eine Studie der Universitätsmedizin Essen, dass Patientinnen und Patienten mit chronischen Rückenschmerzen von einer Therapie mit Placebos profitieren.

Den Angaben zufolge war der schmerzlindernde Effekt der Placebos in etwa so hoch wie der eines NSAID (nichtsteroidalen Antirheumatikums). „Es lohnt sich, den Placeboeffekt in bestehende Therapiekonzepte einzubinden“, sagt der DGN-Pressesprecher Professor Dr. med. Hans-Christoph Diener.

Die Studienergebnisse wurden in dem Fachmagazin „Pain“ veröffentlicht.

Teilnehmende wussten, dass sie Placebos einnahmen

Die 127 Patientinnen und Patienten, die mindestens zwölf Wochen lang unter Rückenschmerzen gelitten hatten, wurden in zwei Gruppen unterteilt. Die eine Gruppe (60 Personen) erhielt die gleiche Behandlung wie zuvor, die zweite (67 Personen) erhielt zusätzlich 21 Tage lang zweimal täglich ein Placebo.

Vor Studienbeginn war allen Studienteilnehmenden ein Video vorgeführt worden, das über den sogenannten Placeboeffekt und die neueste Studienlage zu möglichen positiven Effekten einer offenen Placebogabe informierte.

Die Probandinnen und Probanden waren also informiert, dass sie eine wirkstofffreie Substanz einnehmen. Den Teilnehmenden in der Vergleichsgruppe wurde versichert, dass sie nach Ablauf der Studie ebenfalls eine Placebo-Anwendung erhalten können.

Den Angaben zufolge unterschieden sich die Gruppen nicht signifikant in Alter, Geschlecht und Schmerzintensität zum Zeitpunkt des Studieneinschlusses, allerdings war der BMI in der Gruppe, die zusätzlich mit Placebo behandelt wurde, höher (28,18 gegenüber 25,72).

Patienten waren weniger depressiv

Die Studie untersuchte zum einen die von den Patientinnen und Patienten berichteten Behandlungserfahrungen wie Schmerzlinderung und funktionelle Beeinträchtigung im Alltag („patient reported outcomes“), aber auch objektive Kriterien wie die Beweglichkeit der Wirbelsäule im Hinblick auf Bewegungsausmaß und -geschwindigkeit, die mit Sensoren auf der Wirbelsäule gemessen wurden.

Wie es in der Mitteilung heißt, stellte die Schmerzintensität als subjektiver Parameter den primären Endpunkt dar, sekundäre Endpunkte waren die schmerzbedingte Einschränkung, Depression, Angst und Stress, die mittels standardisierter Fragebögen erhoben wurden.

Im Ergebnis zeigte sich, dass die Gruppe, die mit Placebos behandelt worden war, eine signifikant stärkere Abnahme der Schmerzintensität aufwies, sich funktionell weniger eingeschränkt fühlte und angab, weniger depressiv zu sein.

Zudem fragten die mit Placebo behandelten Patientinnen und Patienten im Trend weniger häufig nach einer Notfallmedikation, also zusätzlichen Schmerzmitteln. Die objektiv erhobenen Parameter waren hingegen zwischen den Gruppen nicht unterschiedlich.

Chronische Rückenschmerzen schwanken in ihrer Intensität

Wie ist es aber zu erklären, dass Placebos das subjektive Befinden signifikant verbessern konnten, obwohl den Studienteilnehmenden sogar klar war, dass sie Placebos, also völlig wirkstofffreie Kapseln, erhalten hatten?

Dr. Julian Kleine-Borgmann, Erstautor der Studie, und Projektleiterin Prof. Ulrike Bingel führen an, dass die Mechanismen einer offenen Placebo-Anwendung noch nicht hinreichend erforscht sind.

Patientinnen und Patienten könnten durch das Informationsvideo unbewusste positive Erwartungen im Hinblick auf das Placebo entwickelt haben, obwohl die gemessene Erwartung in der Placebo-Gruppe in keinem signifikanten Zusammenhang mit der Schmerzlinderung stand.

Eine weitere Hypothese ist die Umdeutung sogenannter natürlicher Fluktuationen: Es ist bekannt, dass chronische Rückenschmerzen in ihrer Intensität über den Verlauf schwanken. Möglicherweise führen schmerzärmere Phasen dazu, dass positive Erwartungen im Sinne einer „self-fulfilling prophecy“ erfüllt werden, wodurch der Glaube an einen positiven Effekt der Placebos weiter bestärkt wird.

Therapeutisches Potenzial sollte weiter untersucht werden

Die Forschungsgruppe ist der Überzeugung, dass das therapeutische Potenzial von Placebos weiter untersucht werden sollte. DGN-Pressesprecher Professor Dr. Hans-Christoph Diener geht noch einen Schritt weiter:

„Es lohnt sich, den Placeboeffekt stärker in bestehende Therapiekonzepte einzubinden. Dazu gehört eine positive Darstellung des zu erwartenden Therapieerfolges.“ Der Experte hebt hervor, dass bei chronischen Schmerzerkrankungen die Psyche eine wichtige Rolle spielt und auf das subjektive Schmerzempfinden Einfluss nehmen kann.

„Wenn wir die subjektive Schmerzlast der Patienten – und sei es auch nur bei einem Teil der Patienten – durch ein Aufklärungsvideo und die Ergänzung des Placeboeffektes nennenswert senken können, sollten wir diese Option nutzen“, so der Fachmann.

„Chronische Schmerzpatienten haben einen enormen Leidensdruck, der sie körperlich und seelisch zermürbt, eine Therapie, die zu einer subjektiven Verbesserung führt, hat Berechtigung – auch wenn wir die dahinterliegenden Mechanismen noch nicht vollständig verstehen“, resümiert Prof. Diener. (ad)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Quellen:

  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN): Placebos verbesserten das Befinden bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen, (Abruf: 04.02.2020), Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
  • Kleine-Borgmann J, Schmidt K, Hellmann A, Bingel U: Effects of open-label placebo on pain, functional disability, and spine mobility in patients with chronic back pain: a randomized controlled trial; in: Pain, (veröffentlicht: Dezember 2019;160(12):2891-2897), Pain
  • Universitätsklinikum Essen: Probanden gesucht: Können Placebos Rückenschmerzen lindern?, (Abruf: 04.02.2020), Universitätsklinikum Essen


Video: Schmerzschrittmacher Neurostimulator: Hilfe bei chronischen Rückenschmerzen (Juli 2021).