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Coronavirus: Fledermäuse sind mögliche Infektionsquelle


Genetische Sequenzierung von nCov gibt Aufschluss über die Herkunft

Bislang ist nicht abschließend geklärt, woher das neue Coronavirus stammt. Da es erstmals auf einem Fischmarkt in der chinesischen Stadt Wuhan auftrat, wurden zunächst Fische als Infektionsquelle vermutet. Erste Genomanalysen zeigten jetzt, dass sich das Virus erst vor kurzem entwickelte und dass es wahrscheinlich aus Fledermäusen entstammt.

Eine Genomsequenzierung des chinesischen Coronavirus nCoV zeigte, dass sich die Viren genetisch von SARS unterscheiden. Es handelt sich den Forschenden zufolge tatsächlich um ein neuartiges Coronavirus, das erst kürzlich entstand und den Menschen befallen kann. Das Virus ist eng mit SARS-ähnlichen Coronaviren verwand, die erstmals in Fledermäusen entdeckt wurden. Somit gelten Fledermäuse als derzeit wahrscheinlichster Infektionsherd. Die Ergebnisse wurden kürzlich in dem renommierten Fachjournal „The Lancet“ vorgestellt.

Aktuelle Lage

Das neue Coronavirus 2019-nCoV führte bislang zu rund 9.700 bestätigten Erkrankungen. Hinzu kommen über 100.000 Verdachtsfälle. Mindestens 213 Todesfälle sind mit dem Virus bislang verbunden. Auch wenn sich das Virus vorwiegend in China verbreitet, wurden bereits in 18 Ländern einzelne Fälle nachgewiesenen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO rät zur Vorsicht: „Es wird erwartet, dass weitere internationale Exporte von Fällen in jedem Land auftreten können. Daher sollten alle Länder auf eine Eindämmung vorbereitet sein, einschließlich aktiver Überwachung, Früherkennung, Isolierung und Fallmanagement, Rückverfolgung von Kontakten und Verhinderung der weiteren Ausbreitung der 2019-nCoV-Infektion.“

Dem Ursprung auf der Spur

Ein chinesisches Forschungsteam führte eine Genomanalyse des neuen Coronavirus durch. Die Viren entstammten aus neun Patienten aus Wuhan. Die Analyse legt nahe, dass Fledermäuse der ursprüngliche Wirt des Virus sein könnten. Im Netz kursieren Gerüchte, dass eine Fledermaus-Suppe den Virus verbreitet habe. Hierfür gibt es aber keinerlei Beweise. Die Forschenden halten es für wahrscheinlicher, dass ein Tier, dass auf dem Meeresfrüchtemarkt in Wuhan verkauft wurde, als Zwischenwirt diente.

Hat sich das Virus erst im Menschen weiterentwickelt?

Die Forschenden vermuten auch, dass dieser Zwischenwirt erst die Entstehung des Virus beim Menschen ermöglichte. Das Team betont, dass dringend weitere Untersuchungen nötig sind, um die Entwicklung, Anpassungsfähigkeit und Verbreitungswege des neuen Virus besser zu verstehen.

Acht der untersuchten Patienten hatten den Meeresfrüchtemarkt von Wuhan besucht. Ein Patient sei aber nie auf dem Fischmarkt gewesen, sondern war zu Beginn seiner Krankheit in einem Hotel in der Nähe des Marktes untergebracht. Die Proben, die den Patienten entnommen wurden, waren zu 99,98 Prozent identisch. Dies ist den Forschenden zufolge ein starkes Indiz dafür, dass das Virus sehr jung ist.

Ständige Überwachung der auftretenden Mutationen

„Es ist auffällig, dass die hier beschriebenen Sequenzen von 2019-nCoV von verschiedenen Patienten fast identisch waren“, erläutert Hauptautor Professor Weifeng Shi. Dies deute darauf hin, dass 2019-nCoV innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums aus einer Quelle entstammte und relativ schnell entdeckt wurde. Da das Virus jedoch auf mehr Personen übertragen wurde, sei eine ständige Überwachung der auftretenden Mutationen erforderlich.

Virus hat Ähnlichkeit zu Fledermaus-Coronaviren

Die Gensequenzierung zeigte deutlich, dass nCov genetische Übereinstimmungen mit zwei SARS-ähnlichen Coronaviren (Fledermaus-SL-CoVZC45 und Fledermaus-SL-CoVZXC21) hat. 88 Prozent der Gensequenz stimmten mit dem neuen Coronavirus überein. Mit dem menschlichen SARS-Virus teilt nCov 79 Prozent der Gensequenz. Somit ist das Virus weiter entfernt von menschlichen SARS-Viren als von den Fledermaus-Coronaviren.

Wahrscheinlich ähnliche Verbreitungswege wie SARS-Viren

Bei der Untersuchung stellten die Forschenden auch fest, dass das sogenannte Spike-Protein von nCoV dem des SARS-Virus gleicht. Über die Spike-Proteine können die Viren in menschliche Zellen eindringen. Daraus schließen die Autoren der Studie, dass der neue Coronavirus wahrscheinlich denselben molekularen Zugang zu den Zellen nutzt wie SARS, und zwar über einen Rezeptor namens ACE2. Dies muss in weiteren Untersuchungen aber noch bestätigt werden.

Stand der Dinge

Auf Grundlage des derzeitigen Forschungsstandes halten die Studienautoren folgenden Hergang für wahrscheinlich:

  • 2019-nCoV entstammt ursprünglich aus Fledermäusen.
  • Die Fledermäuse übertrugen das Virus auf einen unbekanntes Wildtier.
  • Dieses Wildtier wurde auf dem Markt in Wuhan angeboten.
  • Der Zwischenwirt übertrug das Virus auf einen Menschen.

Fledermaus-Suppe höchstwahrscheinlich ein Fake

Derzeit geistern viele Nachrichten durch die Medien, die behaupten, eine in China angebotene Fledermaus-Suppe habe das Virus verbreitet. Die Forschenden halten dies für unwahrscheinlich. Sie gehen stark von einem Zwischenwirt als Überträger aus, da

  1. der Ausbruch Ende Dezember 2019 gemeldet wurde, als die meisten Fledermausarten in Wuhan ihren Winterschlaf hielten,
  2. keine Fledermäuse auf dem Meeresfrüchtemarkt verkauft oder gefunden wurden,
  3. viele wilde Tiere, einschließlich Säugetiere, auf dem Markt angeboten wurden,
  4. die Ähnlichkeiten in den genetischen Sequenzen zwischen 2019-nCoV und seinen nahen Verwandten in Fledermäusen bei weniger als 90 Prozent lag, was bedeutet, dass diese beiden von Fledermäusen abgeleiteten Coronaviren keine direkten Vorfahren von 2019-nCoV sind,
  5. bei SARS und bei MERS Fledermäuse als natürliches Reservoir dienten, aber andere Tiere zunächst als Zwischenwirt fungierten, bevor sie auf den Menschen übergingen.

Verborgenes Virusreservoir in Wildtieren

Die Forschenden unterstreichen, dass dieser Fall erneut das verborgene Virusreservoir in Wildtieren bestätigt und das damit verbundene Potenzial, auf den Menschen überzugehen. Weitere Informationen über das neue Virus finden Sie in dem Arikel: Coronavirus erkennen: Symptome, Ansteckungsgefahr, Übertragung und Schutzmaßnahmen. (vb)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Diplom-Redakteur (FH) Volker Blasek

Quellen:

  • Prof Roujian Lu, Xiang Zhao, Juan Li, u.a.: Genomic characterisation and epidemiology of 2019 novel coronavirus: implications for virus origins and receptor binding; in: The Lancet, 2020, thelancet.com
  • WHO: Statement on the second meeting of the International Health Regulations (2005) Emergency Committee regarding the outbreak of novel coronavirus (2019-nCoV) (veröffentlicht: 30.01.2020), who.int


Video: Corona: Können heimische Fledermäuse das Virus übertragen? Rundschau. BR24 (Juli 2021).