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Untergewicht bei Kindern kann schwerwiegende Folgen haben


Untergewicht bei Kindern – ein unterschätztes Problem

Untersuchungen haben gezeigt, dass immer mehr Menschen in Deutschland übergewichtig beziehungsweise fettleibig sind. Auch viele Kinder sind zu dick. Manche sind aber für ihr Alter zu dünn oder zu klein. Doch leider wird dem Problem Untergewicht bei Kindern noch immer zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Untergewicht bei Kindern ist hierzulande ein häufig unterschätztes Risiko. Es geht meist mit erheblichen Gefahren für die Gesundheit einher, da dann meist auch die Versorgung mit essenziellen Nährstoffen und/oder Spurenelementen nicht gewährleistet ist. Die Stiftung Kindergesundheit informiert in einer aktuellen Stellungnahme über ein vernachlässigtes Problem mit manchmal schweren Folgen.

Ein Begleitsymptom von länger dauernden oder chronischen Erkrankungen

Die sogenannte „Generation Pommes“ beschäftigt seit Jahren medizinisches Fachpersonal und Öffentlichkeit. Und das aus gutem Grund: Die alarmierende Zunahme von Übergewicht durch Fastfood und Süßgetränke bedroht die Gesundheit von immer mehr Kindern und Jugendlichen.

Viel weniger Aufmerksamkeit hingegen erfahren Kinder, die für ihr Alter zu dünn oder zu klein sind. Dabei bestehen auch bei der Betreuung dieser Kinder hierzulande noch große Defizite: Ihre Probleme werden oft nicht erkannt und nicht konsequent behandelt, beklagt die Stiftung Kindergesundheit in der Stellungsnahme, die auf deren Webseite heruntergeladen werden kann.

„Beim Stichwort Untergewicht denkt man unwillkürlich zuerst an die vielen Kinder in Entwicklungsländern, die unter Hunger und schlechten Lebensbedingungen leiden“, so Prof. Dr. Berthold Koletzko, Leiter der Abteilung Stoffwechsel- und Ernährungsmedizin der Universitäts-Kinderklinik München und Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit.

„Dabei kommt Untergewicht bei Kindern und Jugendlichen auch in Deutschland häufiger vor als meist angenommen. Mit einem großen Unterschied: Das Untergewicht der Kinder in der Dritten Welt ist in aller Regel eine Folge von Armut und Unterernährung. Bei den Kindern hierzulande hat sie dagegen oft nichts mit einem Mangel an Nahrung zu tun: Sie ist häufig ein Begleitsymptom von länger dauernden oder chronischen Erkrankungen.“

Laut der Stiftung wird das Ausmaß des Problems richtig sichtbar bei Kindern, die in einem Krankenhaus behandelt werden müssen. Ein Beispiel lieferte vor kurzem eine Untersuchung von 475 Kindern in der Kinderklinik der Universität München. Jedes vierte Kind, das im Dr. von Haunerschen Kinderspital aufgenommen werden musste, war untergewichtig.

„Daten der letzten zwanzig Jahre zeigen, dass jedes dritte bis vierte Kind in europäischen Krankenhäusern mäßig bis schwerwiegend mangelernährt ist“, erläutert Professor Koletzko. „Das ist ein Zustand, den wir Ärzte so nicht weiter hinnehmen dürfen“.

Frühgeborene haben ein besonders hohes Risiko

Den Fachleuten zufolge haben Frühgeborene und chronisch kranke Kinder und Jugendliche ein besonders hohes Risiko für einen schlechten Ernährungszustand. Häufig betroffen sind auch Kinder mit angeborenen Herzfehlern, einer Mukoviszidose (zystische Fibrose) und verschiedenen Magen- und Darmerkrankungen.

„Die Auswirkungen einer Mangelernährung sind bei Kindern noch gravierender als bei Erwachsenen“, sagt Prof. Berthold Koletzko. Denn eine Mangelernährung in den ersten beiden Lebensjahren kann die Gehirnentwicklung und damit die intellektuelle Entfaltung behindern. In den ersten fünf Lebensjahren kann sie auch das Immunsystem schwächen und so zu einer erhöhten Infektanfälligkeit führen.

Weitere Konsequenzen von Mangelernährung sind unter anderem Wachstumsstörungen, eine verzögerte Geschlechtsreife, eine verzögerte Wundheilung, verminderte Knochendichte und Muskelmasse sowie Kleinwuchs.

„Zu den möglichen Folgen einer Mangelernährung gehören auch erhebliche Verzögerungen der Entwicklung, eine erhöhte Sterblichkeit sowie eine starke Einschränkung der Lebensqualität der betroffenen Kinder und Jugendlichen“, erklärt Professor Koletzko.

Defizite in Arztpraxen und Kinderkrankenhäusern

Doch warum wird das Problem der Unterernährung von vielen Ärztinnen und Ärzten nicht gebührend beachtet? Die Stiftung Kindergesundheit benennt folgende Defizite in den Arztpraxen und Kinderkrankenhäusern:

  • Häufig werden Größe und Gewicht der Kinder und Jugendlichen nicht konsequent gemessen und bewertet. Dadurch wird der Ernährungszustand des Kindes nicht richtig eingeschätzt.
  • In der Ausbildung der Angehörigen der Gesundheitsberufe werden Mangelernährung und der erforderliche Umgang damit meist nicht angemessen berücksichtigt.
  • In den Kinderkliniken in Deutschland herrschen Personalnot und Zeitmangel. Auch wenn für den Mangelzustand der Kinder ausreichend Daten vorliegen, führt das Wissen nicht immer konsequent zu den richtigen diagnostischen und therapeutischen Schritten.

Therapie der ursächlichen Krankheit

Und wie päppelt man die Hänflinge wieder hoch? Voraussetzung ist hier die Therapie der Krankheit, die am Untergewicht des Kindes ursächlich beteiligt ist.

Wenn das Untergewicht die Folge einer nicht ausreichenden, falschen oder einseitigen Ernährung, Appetitlosigkeit oder Essstörung ist, kann eine Umstellung der Ernährung auf eine hochkalorisch angereicherte Kost helfen. Zur Beseitigung des Defizits sind dann auch Nahrungsmittel erlaubt, die eigentlich als wahre Dickmacher gelten.

„Bei Säuglingen kann als einfache Methode die Konzentration der Nahrungspulvermenge erhöht werden. Das führt allerdings zu einer unausgewogenen Ernährung und belastet die Nieren. Besser eignen sich so genannte bilanzierte therapeutische Säuglingsnahrungen mit hohem Energiegehalt. Das Essen von Kleinkindern und Schulkindern darf man mit Sahne, Margarine, Butter, Pflanzenölen und Maltrodextrin anreichern“, erklärt Professor Koletzko.

Dickmacher ärztlich empfohlen

Für den häuslichen Gebrauch wird von der Stiftung Kindergesundheit folgendes Vorgehen empfohlen:

  • Die Kost sollte attraktiv und wohlschmeckend sein und darf durchaus reichlich Butter oder Öl enthalten.
  • Die Mahlzeiten sollten möglichst im Kreis der Familie in positiver Atmosphäre eingenommen werden. Gespräche während der Mahlzeiten sollten die Kinder einbeziehen.
  • Eine Sonderbehandlung des kranken Kindes gegenüber seinen Geschwistern und ständiges Ermahnen zum Essen sollten dagegen möglichst vermieden werden.
  • Bei untergewichtigen Klein- und Schulkindern eignet sich zu Nahrungsanreicherung die Zugabe von Fetten (Sahne, Margarine oder Butter, Pflanzenöle) und Kohlenhydraten (Maltodextrin). Besonders effektiv ist die häufige Gabe energiereicher Zwischenmahlzeiten, beispielsweise selbst hergestellter Milchshakes, Eis mit Sahne, Schoko- und Müsliriegel, Mandel- oder Nussmus, Kartoffelchips und anderer energiereicher Happen.

Wird mit häuslichen Maßnahmen allein keine angemessene Gewichtsentwicklung erreicht, können energiereiche Trinknahrungen sehr hilfreich sein. Die Eltern sollten dabei aber eingehend durch eine Ernährungsfachkraft beraten werden. Den Angaben zufolge werden die oft recht hohen Kosten für solche Nahrungen bei medizinischer Notwendigkeit von den gesetzlichen Krankenversicherungen erstattet.

Kinder sollten in regelmäßigen Abständen gewogen und gemessen werden

Angesichts der unzureichenden ernährungsmedizinischen Kenntnisse bei Ärztinnen und Ärzten sowie anderen Angehörigen von Gesundheitsberufen fordert die Stiftung Kindergesundheit eine Förderung der Aus- und Weiterbildung im Bereich der Ernährungsmedizin, um die Kompetenz von Studierenden der Medizin, Ärztinnen und Ärzten sowie Pflegekräften zu erhöhen.

Alle Kinder und Jugendliche sollten in den kinderärztlichen Praxen und Kliniken in regelmäßigen Abständen gewogen und gemessen werden. Zudem sollte der Verlauf der Erkrankung dokumentiert und in jedem Entlassungsbrief aus der Klinik Angaben zum Ernährungszustand des Kindes gemacht werden.

„Entschieden ist, dass nicht nur gemessen wird, sondern dass aus den gemessenen Werten auch Schlüsse gezogen werden“, sagt Prof. „Liegt tatsächlich eine Mangelernährung vor, müssen ihre Ursachen möglichst genau abgeklärt werden, damit das betroffene Kind auch adäquat behandelt werden kann.“ (ad)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Quellen:

  • Stiftung Kindergesundheit: Untergewicht bei Kindern - ein unterschätztes Risiko, (Abruf: 13.01.2020), Stiftung Kindergesundheit


Video: Wenn der Hunger zur Sucht wird: Das Leiden der Magersüchtigen (Juli 2021).