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Netzhauterkrankungen mit Smartphone diagnostizieren


Smartphone als Werkzeug der Augen-Diagnostik

Ein neuer Adapter für Smartphones erlaubt ein kostengünstiges und schnelles Screening der Augen. Laut einer aktuellen Studie eignet sich die neue Methode gut zur telemedizinischen Diagnose gefährlicher Netzhauterkrankungen.

Forschende der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn stellten einen neuen Smartphone-Adapter mit Speziallinse vor, der zum Screening von Augenerkrankungen genutzt werden kann. Insbesondere weit verbreitete Netzhauterkrankungen bei Frühgeborenen können so schnell und günstig aufgedeckt werden. Die Studie wurde kürzlich in dem renommierten Fachjournal „Scientific Reports“ publiziert.

Augenwucherung bei Frühgeborenen

Wenn ein Neugeborenes zu früh auf die Welt kommt, ist die Gefäßbildung in der Netzhaut noch nicht abgeschlossen. Bei Frühgeborenen besteht deshalb eine erhöhte Gefahr, dass kleine Äderchen im Auge zu wuchern beginnen. Die zusätzliche Gabe von Sauerstoff kann diesen Effekt noch verstärken.

Frühzeitige Behandlung stoppt die Wucherungen

Diese Wucherungen können eine sogenannte frühgeborenen-Retinopathie auslösen, die unbehandelt zur Erblindung führen kann, da die wuchernden Gefäße eine Netzhautablösung nach sich ziehen können. Dies lässt sich zum Beispiel durch Medikamenteninjektionen oder durch Laserbehandlungen verhindern.

Frühgeborenen-Retinopathie auf dem Vormarsch

Hierfür ist es erforderlich, dass solche Wucherungen durch ein Screening aufgedeckt werden. Das setzt wiederum voraus, dass genügend Fachpersonal und geeignete Diagnose-Methoden zur Verfügung stehen. In Schwellenländern stellt dies oft ein Problem dar. Neuste Auswertungen zeigen, dass die Frühgeborenen-Retinopathie gerade in Ländern wie Brasilien, Indien oder China auf dem Vormarsch ist.

„Man spricht inzwischen von einer wahren ‚Epidemie‘ – auch wenn dieser Begriff sonst nur bei Infektionskrankheiten verwendet wird“, erläutert Augenexperte Dr. Maximilian Wintergerst. In diesen Ländern sei die medizinische Versorgung einerseits gut genug, dass viele Frühchen überleben. Andererseits fehle es an Mitteln, die Netzhautentwicklung der Frühgeborenen genügend engmaschig zu untersuchen.

Bisherige Diagnose-Geräte sehr teuer

Einem solchen Ärztemangel könne man durch telemedizinische Ansätze begegnen. Dabei werde die Untersuchung durch geschultes nicht-ärztliches Personal wie zum Beispiel Krankenschwestern oder -pfleger vorgenommen. Die Bewertung erfolge dann über das Internet durch eine Augenärztin beziehungsweise durch einen Augenarzt. Die hierfür benötigten Geräte sind zur Zeit jedoch sehr teuer und werden in Schwellenländern oft nicht angeschafft.

Augen-Diagnose-Gerät für unter 1000 Euro

Der neuentwickelte Smartphone-Adapter mit Speziallinse kostet weniger als 1000 Euro. Er kann an einem handelsüblichen Smartphone befestigt werden. Anschließend werden Bilder von der Netzhaut der Patienten mittels Handy-Kamera gemacht. „Unsere Studie zeigt, dass die Qualität damit angefertigter Aufnahmen hervorragend ist“, ergänzt Professor Dr. Tim Krohne, Leiter der Frühgeborenenambulanz der Bonner Universitäts-Augenklinik. Die Bildauflösung sei den teuren Geräten mindestens gleichwertig. Dabei sei die Transportabilität des Adapters ein wichtiger Vorteil.

Handyaufnahmen halten mit teuren Diagnoseverfahren mit

Zwei unabhängige Experten bewerteten die Aufnahmen von 26 Augen. Dabei wurden den Fachleuten zum einen Bilder aus der konventionellen Methode und die Smartphoneaufnahmen vorgelegt. Die Experten wussten nicht, aus welcher Quelle die Aufnahmen entstammten. Es zeigte sich, dass die Smartphone-Diagnose eine vergleichbare Genauigkeit erzielte, wie die teure konventionelle Diagnostik.

Vorteile der Smartphone-Aufnahmen

Neben dem Preis-Leistungs-Verhältnis sei die unkomplizierte Übermittlung der Bilder ein weiterer Vorteil. So können die Aufnahmen schnell zur telemedizinischen Beurteilung an spezialisierte Augenärzte verschickt werden. Darüber hinaus werde aktuell eine App erprobt, die mittels künstlicher Intelligenz eine Vorauswertung von Netzhaut-Aufnahmen durchführen kann.

Auch bei anderen Netzhauterkrankungen nutzbar

Wintergerst und seine Kollegen haben nach eigenen Angaben sehr gute Erfahrungen mit der Untersuchung per Smartphone gemacht. Sie nutzen die Methode bereits erfolgreich seit zwei Jahren. Neben Retinopathie könne diese Methode auch zur Diagnose anderer Augenerkrankungen wie beispielsweise Diabetes-bedingten Netzhautschäden genutzt werden. (vb)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Diplom-Redakteur (FH) Volker Blasek

Quellen:

  • Maximilian W. M. Wintergerst, M.D., Michael Petrak, M.D., Jeany Q. Li, M.D., Petra P. Larsen, M.D., Moritz Berger, Ph.D., Frank G. Holz, M.D., Robert P. Finger, M.D., Ph.D., Tim U. Krohne, M.D.: Non-contact smartphone-based fundus imaging compared to conventional fundus imaging: a low-cost alternative for retinopathy of prematurity screening and documentation; Scientific Reports, 2019, nature.com
  • Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn: Smartphone zur Augen-Diagnostik bei Frühgeborenen (Abruf: 23.12.2019), uni-bonn.de



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