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Gehirnforschung: Suizid-Netzwerk im Gehirn entdeckt


Gehirn-Netzwerke für Selbstmord-Gedanken identifiziert

Ein internationales Forschungsteam hat zwei Schlüsselnetzwerke im Gehirn identifiziert, die eine wesentliche Rolle in Bezug auf Selbstmord-Gedanken zu spielen scheinen. Die Forschung lege den Grundstein für neue verbesserte und dringend benötigte Wege, das Selbstmordrisiko zu verringern.

Eine aktuelle internationale Studie mit der Beteiligung der Cambridge University legt bislang unbekannte Mechanismen im Gehirn offen, die mit Suizid-Gedanken und Selbstmordversuchen in Verbindung stehen. Die Forschungsergebnisse wurden kürzlich in dem Fachjournal „Molecular Psychiatry“ vorgestellt.

Suizid zählt zu den häufigen Todesursache unter Jugendlichen

Laut der Studie sterben jährlich rund 800.000 Menschen an Selbstmord. Alle 40 Sekunden nimmt sich eine Person selbst das Leben. Unter den 15- bis 29-Jährigen zählt Selbstmord zu den häufigsten Todesursachen. Es sterben mehr Jugendliche an Suizid als an Krebs, Herzerkrankungen, AIDS, Geburtsfehler, Schlaganfall, Lungenentzündung, Grippe und chronischer Lungenerkrankungen zusammen.

Wird zu wenig gegen Selbstmord unternommen?

Die Forschenden warnen, dass rund jeder dritte Jugendliche darüber nachdenkt, sein Leben zu beenden. Unter denen, die Selbstmord-Gedanken haben, unternehme rund jede dritte Person einen Selbstmordversuch. Als das Forschungsteam den derzeitigen Studienstand über Selbstmord zusammentrug, stellten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fest, wie wenig über die Hintergründe und über die am stärksten gefährdeten Gruppen bekannt ist.

„Wir wissen kaum was über Suizid!“

„Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Krankheit, an der fast eine Million Menschen pro Jahr sterben und doch weiß niemand, warum einige Individuen anfälliger sind als andere“, berichtet Dr. Anne-Laura van Harmelen, eine der Autorinnen der Studie. Bislang sei sehr wenig darüber bekannt, was im Gehirn von Menschen passiert, die über Selbstmord nachdenken. Ebenso sei nicht bekannt, warum es Geschlechtsunterschiede gibt und warum junge Menschen besonders anfällig sind.

Das Suizid-Netzwerk

Um die Forschung auf diesem Gebiet voranzutreiben, suchten die Forschenden nach Beweisen für strukturelle, funktionelle und molekulare Veränderungen im Gehirn, wenn ein erhöhtes Selbstmordrisiko vorliegt. Das Team wurde fündig und identifizierte zwei Gehirnnetzwerke sowie eine Verbindung zwischen den Netzwerken, die bei Selbstmord eine wichtige Rolle zu spielen scheinen.

Gehirnveränderungen bei Menschen mit Suizid-Gedanken

Das Team analysierte die Forschungsergebnisse aus 131 Studien der letzten zwei Jahrzehnte erneut. Insgesamt trugen die Forschenden so Daten von mehr als 12.000 Personen zusammen. Dabei entdeckten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass Menschen, die Selbstmord-Gedanken haben, Veränderungen im Gehirn aufweisen.

Hirnregion deutet auf übermäßige Emotionen hin

Das erste der entdeckten Netzwerke umfasst der Studie zufolge die Vorderseite des Gehirns. Dieser Bereich ist besonders dafür bekannt, dass er Verbindungen zu anderen Hirnnetzwerken aufbaut, die an Emotionen beteiligt sind. Veränderungen in diesem Hirnbereich könnten auf übermäßige Emotionen sowie auf Schwierigkeiten bei der Regulierung von Emotionen hindeuten.

Wenn Gedanken zur Tat schreiten

Das zweite Netzwerk umfasst die Hirnregion, die als präfrontaler Cortex bezeichnet wird. Dieses Areal ist bei der Entscheidungsfindung sowie bei der Generierung alternativer Problemlösungen und der Kontrolle des Verhaltens beteiligt. Veränderungen in diesem Netzwerk könnten beeinflussen, ob Selbstmord-Gedanken in einen tatsächlichen Selbstmordversuch übergehen oder nicht.

Eine Pille gegen Selbstmord?

Die Forschenden halten es für möglich, dass beide Netzwerke in Bezug auf ihre Struktur, Funktion oder Biochemie verändert werden könnten, um zu beeinflussen, wie ein Individuum über die Zukunft denkt. „Die Überprüfung liefert Hinweise auf eine sehr hoffnungsvolle Zukunft, in der wir neue und verbesserte Wege finden werden, das Selbstmordrisiko zu verringern”, resümiert Forschungsleiterin Professorin Hilary Blumberg.

Mehr Aufklärung erforderlich

Die Studienergebnisse zeigen darüber hinaus, dass die derzeitige Erforschung von Selbstmord unzureichend ist. Man wüsste bislang zu wenig über Geschlechterunterschiede sowie über besonders gefährdete Gruppen. Auch beschäftigte sich ein Großteil der Studien mit den Selbstmord von Erwachsenen, obwohl bekannt sei, dass Selbstmordgedanken oft schon in der Adoleszenz aufkommen.

Prävention verbessern

„Der größte Prädiktor für den Tod durch Selbstmord ist derzeit ein vorheriger gescheiterter Selbstmordversuch“, betont Mitautorin Dr. Lianne Schmaal von der University of Melbourne. Daher sei es wichtig, dass wir früher eingreifen können, um das Selbstmord-Risiko zu senken. „Wenn wir einen Weg finden, die am stärksten gefährdeten jungen Menschen zu identifizieren, dann haben wir die Chance, einzuspringen und ihnen in dieser wichtigen Phase ihres Lebens zu helfen“, so die Forscherin. (vb)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Diplom-Redakteur (FH) Volker Blasek

Quellen:

  • University of Cambridge: Study identifies brain networks that play crucial role in suicide risk (Abruf: 02.12.20199, eurekalert.org
  • Schmaal, L, van Harmelen, A.-L. et al. Imaging suicidal thoughts and behaviors: a comprehensive review of 2 decades of neuroimaging studies. Molecular Psychiatry; 2 Dec 2019; DOI: 10.1038/s41380-019-0587-x, nature.com


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