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Pilz-Medizin: Weitgehend unbekannt mit großem Potenzial


Mit Pilzen auf der Suche nach neuen Wirkstoffen

Pilze werden bei Naturvölkern schon seit tausenden Jahren zur Linderung von Beschwerden eingesetzt. Sie enthalten viele, zum Teil unbekannte, Wirkstoffe. Dennoch spielen Pilze in der modernen Medizin eine untergeordnete Rolle. Ein Forschungsteam aus den Niederlanden entdeckte nun das riesige Potenzial der Pilz-Medizin erneut.

Forschende des Hubrecht Instituts, des Westerdijk Instituts und der Universität Utrecht untersuchten zusammen das Potenzial von Pilzen, um neue Wirkstoffe gegen gängige Erkrankungen zu finden. Dabei stießen sie auf ein riesiges, bislang ungenutztes Potenzial von Möglichkeiten. Die Forschenden bezeichnen ihre Entdeckung als „Spitze des Eisberges“. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden kürzlich in dem renommierten Fachjournal „Scientific Reports“ vorgestellt.

Die größte Pilzsammlung der Welt

In Pilzen schlummert eine riesige Bibliothek aus Naturwirkstoffen, die uns helfen könnte, neue Medikamente zu finden. Die Forschenden konnten ihre Studie an der weltgrößten Sammlung lebender Pilze durchführen, die mehr als zehntausend Arten beherbergt. Das Team testete die biologische Aktivität der Pilze an Zebrafischembryonen. Zebrafische werden häufig in Tiermodellen verwendet, da sie dem Menschen physiologisch sehr ähnlich sind.

Alte Bekannte

Bei den ersten Tests entdeckte das Team bereits bekannte Verbindungen in den Pilzen, die in derzeitigen Medikamenten verwendet werden. So birgt beispielsweise der Pilz Aspergillus terreus den Wirkstoff Lovastatin, der in cholesterinsenkenden Medikamenten zum Einsatz kommt.

Ungenutztes Potzenzial

„Jedes Jahr werden neue, von Pilzen produzierte Verbindungen identifiziert, aber bisher haben wir nur eine sehr kleine Teilmenge aller vorhandenen Pilze untersucht“, erläutert Forschungsleiter Jelmer Hoeksma. Dies deute darauf hin, dass noch viel unbekannte biologisch aktive Verbindungen zu entdecken sind.

Zebrafische und Pilze

Die Wirkung der einzelnen Pilze ließ sich den Forschenden zufolge gut an den Embryonen der Zebrafische nachweisen, da die Zebrafische innerhalb weniger Tage die meisten ihrer Organe entwickeln. Auch kann anhand des Tiermodells schnell ein Vergleich mit bekannten Medikamenten erfolgen.

In Pilzen sammeln

Insgesamt fanden die Forschenden auf diese Weise 1526 Pilz-Filtrate, die biologisch aktive Verbindungen auf die Zebrafischembryonen enthalten. 150 davon wurden für eine nähere Analyse ausgewählt. Es gelang dem Team aus diesen Proben 34 bekannte Wirkstoffe zu isolieren, wie zum Beispiels das bereits erwähnte Lovastatin. So fanden die Forschenden einen bislang unbekannten Weg der Wirkstoffgewinnung.

Neuer Ansatz gegen Hautkrebs

Unter den entdeckten Wirkstoffen war auch eine Verbindung, die die Pigmentierung in Zebrafischembryonen beeinflusste. Andere Studien zeigten bereits, dass die Pigmentierung eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Hautkrebs spielt. Der neu entdeckte Wirkstoff könnte zur Entwicklung einer neuen Hautkrebs-Therapie beitragen.

Nur die Spitze des Eisberges entdeckt

„Die große Bibliothek an Pilzfiltraten, die wir aufgebaut haben, kann auch in vielen anderen Systemen getestet werden, wie zum Beispiel zur Antibiotikaresistenz bei Bakterien oder bei der Tumorentwicklung“, so Hoeksma. Diese Studie sei erst die Spitze des Eisbergs der Pilz-Medizin. Die Arbeit unterstreiche die große und unbekannte Vielfalt an biologisch aktiven Verbindungen, die von Pilzen produziert werden. (vb)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Diplom-Redakteur (FH) Volker Blasek

Quellen:

  • Jelmer Hoeksma, Tim Misset, Christie Wever, u.a.: A new perspective on fungal metabolites: identification of bioactive compounds from fungi using zebrafish embryogenesis as read-out, Scientific Reports, 2019, nature.com
  • Hubrecht Institute: Using fungi to search for medical drugs (Abruf: 27.11.2019), hubrecht.eu



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