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Mobbing-Auswirkungen vergleichbar mit Gewalt und Missbrauch


Posttraumatische Belastungsstörungen durch Mobbing

Körperliche und sexuelle Gewalt ziehen nicht selten seelische Schäden wie Posttraumatische Belastungsstörungen nach sich. Doch die Gewalt hat viele Facetten. Der Deutsche Verband der Ergotherapeuten weist darauf hin, dass auch Mobbing-Opfer ähnliche psychische Störungen entwickeln können wie die Opfer von körperlicher Gewalt.

Christine Spevak ist Traumaexpertin beim Deutschen Verband der Ergotherapeuten (DVE). Sie hat mit ihrem Kollegen Andreas Pfeiffer das kanadische Ergotherapie-Programm „Posttraumatische Belastungsstörungen“ ins Deutsche überführt. In einer Pressemitteilung hebt das Team besonders die oft unterschätzten Folgen von Mobbing auf die Psyche der Opfer hervor.

Mobbing auf dem Vormarsch

Aus der Pisa-Studie des Jahres 2015 geht hervor, dass jedes sechste Schulkind von Mobbing betroffen ist. Aber auch Erwachsene kann es treffen, denn auch das Mobbing am Arbeitsplatz ist weit verbreitet. Durch das Cybermobbing erreicht die Diskriminierung einer Person ein Niveau, dass Betroffene bis in den Selbstmord treiben kann. „Es sind nicht nur Menschen aus Kriegsgebieten oder Kriegszeiten, sondern ebenso Erwachsene und Kinder die hier in unserer Gesellschaft leben und in ihrem Alltag Traumatisches erleben oder sehen“, berichtet Ergotherapeutin Spevak.

Ein Trauma kann viele Auslöser haben

Aus ihrer Erfahrung mit Betroffenen weiß Spevak, dass ein Trauma sehr unterschiedliche Auslöser haben kann. So können beispielsweise ein Autounfall, eine schwere Erkrankung, ein Todesfall, häusliche Gewalt, Missbrauch und eben auch Mobbing schwere traumatische Schäden an der Psyche eines Menschen auslösen. Manchen Personen gelinge die Bewältigung einer solchen Situation aus eigenen Kräften. Andere Menschen seien jedoch völlig hilflos den Ereignissen ausgeliefert.

Mobbing ist vergleichbar mit sexuellem Missbrauch

Als Vergleich nennt die Traumaexpertin Kinder, die Opfer eines Missbrauchs wurden. „Die Lage ist aus ihrer Sicht ausweglos: Der Täter setzt sie unter Druck, suggeriert, dass ihnen keiner glauben wird oder sie schuld sind an dem, was ihnen widerfährt“, erklärt Spevak. Mobbingopfern gehe es nicht selten ähnlich. Sie fühlen sich unfähig zu handeln, schweigen aus Scham und können sich nicht eingestehen, dass sie nicht in der Lage sind, sich aus dem Dilemma zu befreien.

Verhaltensänderungen bei Mobbingopfern

Da Mobbing-Betroffene oft verschweigen, dass sie gemobbt werden, ist es für Familie und Freunde besonders wichtig, Verhaltensänderungen nicht zu ignorieren. Ziel traumatisierter Menschen ist laut den DVE-Expertinnen und Experten oft, Situationen aus dem Weg zu gehen, in denen sie häufig gemobbt werden. Als Folge ziehen sich die Opfer zurück, meiden bestimmte Aktivitäten, wollen beispielsweise nicht mehr in die Schule zur Arbeit oder zum Sportverein gehen. Des weiteren sprechen viele Mobbingopfer ungern über ihre Gefühle oder reagieren überemotional. „Solche Verhaltensweisen sind alarmierend und es ist davon auszugehen, dass das Trauma nicht verarbeitet ist – Zeit, professionelle Hilfe zu suchen“, empfiehlt das DVE-Team.

Aus dem Teufelskreis ausbrechen

In einer Therapie soll die Selbstwirksamkeit traumatisierter Menschen gefördert werden. Das Erleben der eigenen wiedererstarkten Handlungsfähigkeit liefere einen positiven Kontrast zu dem, was im Trauma ertragen werden musste. Dieser wichtige Schritt könne laut DVE bei der Traumaüberwindung helfen. Doch auch das Umfeld spiele eine wichtige Rolle. „Für Angehörige und Partner, die mit einem traumatisierten Menschen zusammenleben, ist die Situation schwierig und belastend“, so die Ergotherapeutin. Es sei wichtig, enge Verwandte und Lebenspartner in die Therapie mit einzubeziehen. Durch Verständnis und Wertschätzung, aber auch durch gemeinsame Aktivitäten, um Betroffene aus der Isolierung zu befreien, könne man den Opfern bei der Überwindung eines Traumas beistehen. Wichtig dabei sei, den Betroffenen ihr eigenes Tempo zuzugestehen. (vb)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Diplom-Redakteur (FH) Volker Blasek

Quellen:

  • Deutscher Verband der Ergotherapeuten (DVE): Schlimmes Mobbing kann ebenso zu Trauma führen wie körperliche Gewalt und Missbrauch (Abruf: 06.11.2019), dve.info
  • Deutscher Bundestag - Wissenschaftliche Dienste: Mobbing an Schulen, 2018, bundestag.de



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